17.8.08

Bei Vollmond durch die Wueste rennen


Unseren zweiten Wuestenhalbmarathon in Nevada haben wir letzte Nacht hinter uns gebracht.
Nach einem langen Flug mit stressigem Umsteigen in Phoenix, Arizona sind wir am spaeten Vormittag in Las Vegas gelandet. Der Extraterrestrial Marathon, Half Marathon & 10k fand mitten in der Nacht auf der Strasse der meisten UFO-Sichtungen der USA statt. Die ist 240 km von Las Vegas entfernt, aber der Veranstalter hatte Busse organisiert, die uns zum Start bringen sollten.
Der Marathon fing genau um Mitternacht an, die Halbmarathon-Teilnehmer wurden noch 12 km weiter gefahren und starteten um 0:30. Da war leider keine Zeit mehr zum Aufwaermen, aber nach der Reise, in der duennen Hoehenluft und bei der ungewohnten Steigung waren sowieso keine Bestleistungen zu erwarten. Wir sind ja im Prinzip auch noch gar nicht richtig fuer einen Halbmarathon trainiert.
Egal, uns ging es diesmal einfach um das unvergessliche Erlebnis, mitten in der Nacht durch die Wueste zu rennen. Und es war unvergesslich. Leider hatte ich mit dem Carbo Loading mal wieder uebertrieben und dann habe ich auch das Iso-Getraenk nicht vertragen. Die staendigen Stopps am Strassenrand - zum Glueck war es dunkel - trugen natuerlich auch nicht zu einer schnellen Zeit bei.
Die ersten 10 km ging es bergauf. Wir mussten Taschenlampen mit uns tragen, aber die konnte man auch ausgeschaltet lassen, denn der Mond erleuchtete die Landschaft so hell, dass man alles sehen konnte. Die Luft war trocken und nicht zu heiss, gerade richtig zum Laufen. Auch wenn mein Hals innerhalb kuerzester Zeit ganz schoen ausgetrocknet war.
Jon lief am Anfang zu schnell fuer mich und ich wollte auch nicht, dass er waehrend meiner staendigen Stopps auf mich warten musste, so schickte ich ihn voran und lief alleine weiter.
Der Berg war nicht so schlimm wie gedacht. Im Gegenteil, ich fand die Herausforderung richtig klasse und trotz der Muedigkeit konnte ich mich die ganze Zeit aufs Laufen konzentrieren. Hier merkte ich, wie das Yoga und Bauchmuskeltraining der letzten Zeit halfen. Nach kurzer Zeit konnte ich mich entspannen, die Wuestennacht geniessen und mich auf die vor mir liegende Aufgabe konzentrieren. Vor allem wusste ich aber auch, dass es nach der Haelfte der Strecke nur noch bergab gehen wuerde.
Immer wieder horchte ich in mich hinein, kontrollierte Angstrengung, Atmung, Beine, alles was wichtig war und merkte, dass ich noch gut weiterlaufen konnte. Den Forerunner liess ich dabei mal ganz aussen vor und kontrollierte nur ab und zu wie weit ich schon war.
Als ich schliesslich oben auf dem Berg angekommen war haette ich sogar lieber noch weiter bergauf laufen koennen. Sowas kennen wir in Florida ja gar nicht mehr.
Es ging nun mit leichtem Gefaelle abwaerts, zuerst ganz sacht und dann etwas steiler. Nach etwa 15 km, als ich doch schon etwas muede wurde und die Meilen bis zum Ende zaehlte, dann eine freudige Ueberraschung. Der Laeufer, der vor mir auftauchte und zu dem ich nun immer weiter aufschloss, kam mir doch bekannt vor!
Ich naeherte mich langsam und tatsaechlich, ich hatte mich nicht getaeuscht!
Auch Jon hatte das Sportgetraenk nicht vertragen und in die Buesche springen muessen und so kam es, dass ich ihn doch noch einholen konnte. So ein Glueck!
Wir blieben zusammen und rannten in flottem Tempo den Berg hinunter.
Ich kenne das schon von mir, dass mir die letzten 1-2 Meilen am laengsten vorkommen und ich auf dem letzten Stueck mit erheblichen Motivationstiefs zu kaempfen habe. Da kam es nicht ueberraschend, dass ich auf einmal ueberhaupt keine Lust mehr hatte zu laufen. Waere Jon nicht gewesen haette ich meinen Lauf vielleicht verlagsamt, aber ich ermahnte mich immer wieder, nicht nachzulassen. Wir haetten die 1:45 vielleicht noch schaffen koennen, also mussten wir uns doch auch bis zum Ende anstrengen.
Kurz vor dem Ziel ergriff ich seine Hand und wir liefen gemeinsam dem hell erleuchteten Platz zu. Leider war nicht gleich ersichtlich wo die Matten fuer die Zeitnahme waren, sodass wir auf den allerletzten Metern noch einen kleinen Umweg machen mussten. Das war schon ziemlich aergerlich, vor allem weil wir den Leuten die Frage zuriefen, wo wir hin muessten, aber erstmal keine Reaktion kam.
Egal, wir fanden die Ziellinie doch noch und liefen mit 1:46:25 (oder so, die offizielle Ergebnisliste ist noch nicht online) ins Ziel.
Das bedeutete fuer mich den zweiten Platz bei den Frauen und fuer Jon den vierten in seiner Altersklasse.
Nach dem kostenlosen Fruehstueck im A"Le"Inn, einer etwas schaebigen Kneipe, und nachdem ich ganz formlos meine haessliche 2. Siegerplakette abgeholt hatte, fuhren wir mit dem Bus wieder nach Las Vegas zurueck, wo wir gegen halb sieben morgens wieder am Hotel ankamen.

Der Lauf war klasse und auf jeden Fall alle Strapazen wert. Die Organisation haette aber doch weit weniger chaotisch sein koennen, dann waere es noch besser gewesen.
Wir sind froh, mitgemacht zu haben! So ein Halbmarathon in der naechtlichen Wueste ist doch was anderes, als ein 5-km-Lauf in Florida, wie wir ihn jedes Wochenende haben koennten.

Bis Samstag bleiben wir noch in Las Vegas. Es ist so dermassen heiss hier - ueber 40 Grad im Schatten - dass das Laufen wohl noch interessant wird.

Kommentare:

Hase hat gesagt…

Das klingt toll. Nächtliche Läufe bei Mondschein liebe ich auch. Schön!

Black Sensei hat gesagt…

Muß toll gewesen sein - das macht man leider viel zu selten. Schön!

Jassi hat gesagt…

Wow, Kerstin, toll! Wieder mal ein Bericht zum neidisch werden in vielerlei Hinsicht.
Nur auf die seitlichen Ausflüge beim Laufen bin ich natürlich nicht neidisch... ;-) Aber komisch, dass ihr beide das Getränk nicht vertragen habt - habt ihr das von anderen Läufern auch noch gehört?
Wünsche Dir auf jeden Fall noch eine tollte Zeit in Vegas... während ich diese Woche bei lausigen 20°C im langweiligen deutschen Münsterland verbringen werde...
Liebe Grüße
Jassi

Pienznaeschen hat gesagt…

Klingt nach einem tollen Erlebnis nachts durch die Wüste zu laufen ... was mich besonders neidisch macht ist dieses Hand-in-Hand ins Ziel laufen - nein, nicht böse neidisch, ich finde es einfach nur sooooo schööööön!

Anja Ridlberg hat gesagt…

So, heute morgen schon gelesen, hauch ich noch schnell einen Kommentar hier rein... klasse Sache, sag ich nur. Ich als Nachmacherin frag mich nur, wo ist hier im Rheinland nur die nächste Wüste??

Die Erleberin hat gesagt…

Wow, ich beneide dich um das Erlebnis, nachts durch die Wüste gelaufen zu sein. Ich glaube, es gibt kaum etwas Entspannenderes für die überreizten Sinne, oder?
Das mit der Zieleilauf-Matte finde ich übrigens auch jedesmal ärgerlich: Da denkt man, da zu sein, und dann solche Umwege. *ugh*

Martin hat gesagt…

Wow das stelle ich mir klasse vor, so mitten in der Nacht zu laufen! Würde ich gerne mal machen, allerdings kann ich auf eure Tagestemperaturen gerne verzichten, wäre mir doch ein bisschen zu heiß!
Leider ist Pia noch nicht so weit, einen Wettkampf zu laufen, denn dann würde ich sie gerne begleiten. Als Wasserträger sozusagen.

Marco hat gesagt…

Ein super bericht. Danke dafür!
Ich laufe auch sehr gerne in der Nacht. Einen Wüstenmarathon bei Nacht das wäre auch mal was für mich. Aber in Deutschland gibt es wenig Wüste ;-))

Gruss
Marco